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Eine Überbauung spaltet die Basler Politik

Regierungsrat Hans-Peter Wessels und Grossrat Thomas Grossenbacher streiten über die Zukunft des Landhofs in der baz vom 19.02.2010.
interview: V. Kressler, P. Künzle

 >> Originalartikel

Die geplante Überbauung auf der
einstigen Heimstätte des FC Basel
wird in der Politszene kontrovers diskutiert.
Baudirektor Hans-Peter Wessels (SP, 47) ist
für das vorliegendeProjekt,
Grossrat Thomas Grossenbacher(Grüne, 45)
dagegen.

BaZ: Herr Wessels, Herr Grossenbacher,
könnten Sie sich vorstellen, dereinst auf
dem Landhof zu wohnen, sollte die Überbauung
von der Bevölkerung am 7. März
gutgeheissen werden?

  Hans-Peter Wessels: Ja, denn ich
bin überzeugt davon, dass es eine sehr
attraktive Überbauung wird. Und ich
hätte einen kurzen Weg zur Arbeit
(lacht).
  Thomas Grossenbacher: Für mich
wäre es unvorstellbar, dort zu wohnen.
Das Projekt an sich ist zwar gut.
Der Ort ist aber absolut ungeeignet
dafür, zerstört unwiderruflich die einmalige
Grünoase Landhof im Kleinbasel
und sorgt so sicher nicht für eine
höhere Attraktivität von Basel.

Die geplante Überbauung auf dem Landhofist
ein Projekt der früheren Baudirektorin
Barbara Schneider. Was ist der
Grund, dass Sie sich, Herr Wessels,
ebenso stark dafür engagieren wie Ihre
Vorgängerin?

  Wessels: Weil ich die jetzige Lösung
saugut finde. Das Projekt hat eine lange
Geschichte und ist im Laufe der
Zeit noch stark verbessert worden. Es
schafft erstens attraktive Grünflächen
für das Quartier und zweitens attraktive
Wohnungen. Wir müssen alles
daran setzen, dass der Kanton Basel-
Stadt nicht noch mehr Einwohnerinnen
und Einwohner verliert. Deshalb
ist es von zentraler Bedeutung, zusätzlichen
attraktiven Wohnraum zu
schaffen. Die Frage ist, ob wir in Basel
mehr Pendlerinnen und Pendler wollen
oder mehr Einwohnerinnen und
Einwohner. Ich sage: lieber Einwohner
statt Pendler.

Herr Grossenbacher, wollen Sie mehr
Pendler in Basel-Stadt? Das ist doch
nicht ökologisch!

  Grossenbacher: Natürlich nicht.
Beim Landhof geht es aber um ein
ganz anderes Thema. Es geht darum,
einen einzigartigen Grünraum, der
ein Glücksfall für das ganze Quartier
ist, zu erhalten, indem man ihn nicht
überbaut, sondern als Grün- und Freizeitraum
entwickelt. Das Kleinbasel
hat mit vergangenen Bauprojekten
bereits den grössten Beitrag in Basel
für den Bevölkerungserhalt geleistet
und wird mit Bauprojekten, wie zum
Beispiel auf dem Kinderspital-Areal,
weiter dazu beitragen.

  Wessels: Der Landhof ist schon überbaut.
Es steht eine marode Tribüne
da, die niemand braucht. Die unbebaute
Fläche wird mit dem Gegenvorschlag
zudem sogar noch eine Spur
grösser, als dies jetzt der Fall ist. Von
Überbauen kann also gar keine Rede
sein. Das Wettsteinquartier gehört zudem
nicht zu den am dichtesten bewohnten
Quartieren in der Schweiz,
wie dies das Initiativkomitee sagt.
Über solche Behauptungen rege ich
mich auf. Das ist billige Stimmungsmache.

Herr Grossenbacher, warum wehren Sie
sich so vehement gegen die Überbauung?
Die Regierung hat doch einen grossen
Schritt auf Sie zugemacht, indem sie
das ursprüngliche Projekt stark redimensioniert
hat. Statt vier gibt es nur noch
drei Gebäude und einen Grünflächenanteil
von 85 Prozent. Das ist doch ein grosser
Erfolg.
  Grossenbacher: Jetzt muss ich widersprechen.
Es stimmt nicht, dass
die unbebaute Fläche mit dem Gegenvorschlag
grösser wird. Das wäre nur
der Fall, wenn man die Stehrampe
heute zur bebauten Fläche zählt. Diese
ist in der Zwischenzeit aber von der
Natur regelrecht zurückerobert worden
und wurde deshalb auch ins Naturinventar
von Basel-Stadt aufgenommen.
Es hat Bäume und Gestrüpp
darauf, welche von den Kindern beim
Spielen gerne genutzt werden. In der
Grünzone bleiben letztlich mit der
Überbauung nur 50 Prozent. Falsch
ist auch, dass wir den jetzigen Zustand
erhalten wollen. Wir hängen nicht an
der maroden Tribüne. Wir wollen
vielmehr, dass das Areal zu einem
grossen Freizeit- und Erholungsraum
wird wie die Freizeitanlage Landauer
in Riehen. Für eine hohe Wohn- und
Lebensqualität braucht es im Kleinbasel
eine grosse, zusammenhängende
Grünfläche im Quartier. Unsere Aussage,
dass das Kleinbasel zu den am
dichtesten bebauten Quartieren gehört,
ist übrigens absolut richtig. 

«Das Projekt hat eine lange Geschichte und
ist noch stark verbessert worden.»

Regierungsrat Hans-Peter Wessels (SP

  Wessels: Wenn die Initiative angenommen
wird, führt dies dazu, dass
der jetzige Zustand noch lange Zeit
erhalten bleibt. Die Ideen, was man
bei einem Nein zum Gegenvorschlag
machen könnte, gehen weit auseinander.
Die einen wollen möglichst viel
Fussballspiele, die anderen einen
Stadtpark. Und, und, und. Mit dem
Gegenvorschlag ist völlig klar, was
passiert. Wir haben dann eine attraktive
Grünfläche, gesicherte offene
Kinder- und Jugendarbeit und attraktive
Genossenschaftswohnungen. Das
Areal und damit auch das Quartier
werden massiv aufgewertet. Jetzt ist
das Areal doch meistens menschenleer
und wird kaum genutzt.

  Grossenbacher: Mit der Initiative
wollen wir verhindern, dass mit der
Überbauung eine einmalige Chance
vertan wird. Mit dem Mehrwertabgabefonds
wären zudem die Finanzen
vorhanden, um innert kürzester Zeit
ein neues Projekt wie den Landauer
auf die Beine zu stellen.

Und wer soll bei einem Nein zur geplanten
Überbauung die Initiative für einen
solchen Freizeit- und Erholungsraum
ergreifen? Das Initiativkomitee oder das
Baudepartement?

  Grossenbacher: Das Baudepartement,
zusammen mit der Quartierbevölkerung.
Ich möchte aber noch etwas
zur von Herrn Wessels vorhin
angesprochenen offenen Kinder- und
Jugendarbeit sagen. Wenn ich mit
den Verantwortlichen rede, höre ich,
dass die derzeitige Kinder- und Jugendarbeit
bei einer Überbauung auf
dem Areal klar keine Zukunft mehr
hätte.
  Wessels: Die offene Kinder- und Jugendarbeit
ist gesichert, wenn die
Überbauung angenommen wird. Das
ist gesetzlich festgeschrieben. Wie die
Zukunft der Kinder- und Jugendarbeit
aussehen wird, wenn der Gegenvorschlag
abgelehnt wird, das wissen dagegen
die Götter.
  Grossenbacher: Lassen Sie mich
noch den Fussballtrainer Helmut
Benthaus zitieren, der mit seiner
Veteranenmannschaftauf dem Landhof-
Areal trainiert: Er sagt, dass er schauen
muss, dass er genug Platz zum
Fussballspielen auf dem Landhof hat.
Wir haben also nicht zu viele Fussballplätze
in Basel.
  Wessels: Das ist eindeutig so. Der
Fussball erlebt in unserer Region einen
Boom. Das ist eine ganz tolle Sache
und sicher auch auf den Erfolg des FC Basel
zurückzuführen. Wir brauchen
deutlich mehr Fussballplätze.
Da hat Herr Grossenbacher vollkommen
recht, und das Sportamt macht
sich auch Gedanken über Lösungen.
Auf dem Landhof findet heute aber
derart wenig statt, dass es gar kein
Problem ist, kurzfristig Ausweichmöglichkeiten
dafür zu finden.

Herr Grossenbacher hat vorhin den ehemaligen
FCB-Trainer Helmut Benthaus
zitiert. Beim Match FC Basel gegen
Young Boys am 7. Februar hingen in der
Muttenzer Kurve zudem mehrere Transparente
für die Erhaltung des Landhofs.
Herr Wessels, ist eine Überbauung auf
einem derart mythenumrankten Ort wie
dem Landhof nicht noch schwieriger zu
kommunizieren als sonst?

  Wessels: Ich kann mir sehr gut vorstellen,
dass man gewisse Dinge, die
an die glorreiche Geschichte des FC
Basel erinnern, in das Projekt integrieren
und damit erhalten kann. Zum
Beispiel den Totomat. Was ich mir
aber nicht vorstellen kann, ist, dass
man den Landhof langfristig als Fussballplatz
nutzen kann. Das hat keine

«Das Projekt an sich ist zwar gut. Der
Ort ist aber absolut ungeeignet dafür.»

Grossrat Thomas Grossenbacher (Grüne)

 Zukunft. Der ehemalige FCB-Verteidiger
Massimo Ceccaroni hat dies übrigens
erkannt und ist im Komitee für
den Gegenvorschlag.
  Grossenbacher: Da steht er unter
den ehemaligen FCB-Spielern aber
ziemlich alleine da.

Sie fahren im Abstimmungskampf ziemlich
stark auf dieser FCB-Schiene, Herr
Grossenbacher.

  Grossenbacher: Wir haben das
nicht gesucht, freuen uns aber natürlich
sehr über diese Unterstützung. Es
geht aber nicht «nur» um Nostalgie.
Die FCB-Veteranen, aber auch viele
andere Hobbyfussballer nutzen heute
den Platz. Damit dies und andere Freizeitnutzungen
für Jung und Alt auch
in Zukunft möglich sein werden, muss
man Ja sagen zu unserer Initiative.

Herr Grossenbacher, Sie haben zwar die
FCB-Veteranen auf Ihrer Seite. Stadtpräsident
Guy Morin (Grüne) hat aber
einen Kurswechsel gemacht und unterstützt
nun die Überbauung. Das schadet
doch der Glaubwürdigkeit Ihrer
Kampagne?

  Grossenbacher: Nein, das denke
ich nicht. Guy Morin hat Angst, dass
ein Nein zur Überbauung auf dem
Landhof eine Signalwirkung haben
könnte, dass man im Kanton Basel-
Stadt überhaupt nicht mehr bauen
kann. Darum geht es uns aber nicht,
und das haben wir ihm auch gesagt.
Es ist keine Frage: Basel soll sich entwickeln
können. Deshalb unterstützen
wir Grünen zum Beispiel auch die
Bauprojekte auf dem Erlenmatt- oder
auf dem Schoren-Areal.

Herr Wessels, wie hat die Regierung
Herrn Morin zum Kurswechsel bewegenkönnen?
Haben Sie ihm ein gutes Nachtessen
spendiert?

  Wessels: (Lacht.) Nein, nein. Das
war gar nicht nötig. Das sehr gute Projekt
hat Guy Morin überzeugt. Und
ich hoffe, dass dies auch die Stimmbevölkerung
überzeugen wird. 

Wagen Sie zum Schluss des Gesprächs
bitte noch eine Prognose zum Ausgang
der Abstimmung.

  Grossenbacher: Der Landhof wird
grün bleiben.
  Wessels: (Lacht.) Der Landhof bleibt
so oder so grün. Ich sage 52 Prozent
für den Gegenvorschlag.
  Grossenbacher: Da bin ich mutiger.
Ich sage 55 Prozent für die Initiative.

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